Spiritualität findet im Alltag statt

Vor vielen vielen Jahren, als ich meinen spirituellen Weg noch ausserhalb von mir selbst suchte, weilte ich in Indien im Ashram eines grossen Gurus, um mit hunderten seiner Anhänger in der brütenden Sonne seinen Worten zu lauschen, immer in der Hoffnung einmal für eine persönliche Unterredung mit ihm auserwählt zu werden.
Und wenn der Meister nicht gerade sprach, was er meistens nur zwei Mal pro Tag für eine kurze Weile tat, versuchte ich zu meditieren, zu beten oder sonst irgend einer “spirituellen” Tätigkeit nachzugehen. Wenn dann der Körper seine Rechte forderte und meinen Magen knurren liess, verliess ich die heilige Stätte und setzte mich jeweils draussen, direkt an der Strasse, an einen Tisch des kleinen Restaurants. Es war lärmig – ich sass ja sozusagen mitten im indischen Strassentreiben – und viele Kinder tobten herum oder bettelten.
Eines Mittags sass am Nebentisch eine Frau, eine Europäerin dem Aussehen nach, vielleicht Anfang vierzig, die mit seliger Miene in einem Buch des Meisters las. Sie war mir im Ashram schon aufgefallen, weil sie so schön aufrecht im Yoga-Sitz sitzen konnte (was ich wohl nicht mehr lernen werde!) und mit geschlossenen Augen lange lange regungslos meditierte – ich bewunderte sie, dass sie es so lange aushielt und offenbar in tiefer Versenkung war, wer weiss vielleicht der Erleuchtung schon ganz nahe… Und auch jetzt beim Lesen schien sie eine Heilige.
Bis eines der spielenden Kinder gegen ihren Stuhl stiess. Sie wandte sich um und schrie die Kinder an, sie sollten sich wegscheren, was ihnen einfalle sich hier so zu benehmen und dergleichen mehr. Ich sah den Zorn in ihren Augen, auch Angst, und wie ihr noch vor Sekunden sanftes Gesicht einen angewiderten Ausdruck bekam und ganz hässlich wurde.

In jenem Moment habe ich begriffen, dass alle Spiritualität, die ich vom Alltag zurückgezogen praktiziere, in Gebet, Meditation und in Andacht vor einem Guru, nichts wert ist, wenn sie mir nicht hilft, meine Ängste loszuwerden, mein Selbstwertgefühl zu stärken, meine Geborgenheit in mir selbst zu finden – denn nur dann kann ich meinen Mitmenschen mit jener Nächstenliebe begegnen, die alle Religionen und spirituellen Wege fordern.
Und ich habe verstanden, dass ich aufhören muss von einem zum anderen Ende der Welt zu reisen um mir “Wahrheit” und “Erleuchtung” von jemandem geben zu lassen. Die spirituelle Schule, um mein Ego zu beseitigen und dadurch dem Göttlichen näher zu kommen, findet sich in meinem Alltag, in der Konfrontation mit meiner Familie, meinen Freunden, meinen Arbeitskollegen, jedem Unbekannten, der mir über den Weg läuft – also in der Konfrontation mit mir selbst.

So habe ich damals in Indien die Koffer gepackt und den nächsten Flug nach Hause gebucht. Seit jenem Tag lasse ich mich nur noch von der Lebensschule leiten, lerne aus den Ereignissen – und vom Göttlichen in mir.

3 Reaktionen zu “Spiritualität findet im Alltag statt”

  1. eksisto

    Da hast Du eine Art Erleuchtung gehabt. Die Westler, die nach Indien reisen, um irgendeinem Guru zu lauschen, sind irgendwie Egomanen in einer Welt, wo die Menschen ganz andere Sorgen haben, als wir, denen es gut geht.

  2. Carola

    Guten Abend -

    auch wenn es bereits eine Zeit her ist, das dieser Beitrag auf dieser Seite verfasst wurde, so möchte ich mich ganz herzlich für die Worte bedanken.

    Denn genauso ist es - erst im “farblosen” Alltag mit all den Begegnungen und zwischenmenschlichen Geschichten, wird die “Spiritualität” erprobt.

    Das Leben selbst ist und bleibt die beste Lehrmeisterin.

    Mit HerzLicht
    Carola

  3. Karin

    Danke, Carola, für deine lieben Worte - es freut mich immer, anderen Menschen zu begegnen, die eine “bodenständige” Spiritualität leben!

    Herzlichst,
    Karin

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